Juni 7th, 2010 Die Glücksspielsucht
Spielen ist menschlich – wer würde diesem Werbeslogan der Glücksspielanbieter nicht zustimmen? Ist doch das Spielen seit den Anfängen der Menschheit eine primäre Lebenskategorie. Es gehört zu den Grundelementen der individuellen und sozialen Reifung. Kinder lernen spielerisch, sich in unserer Welt zurecht zufinden. Im Spielen können sie Selbständigkeit, Kreativität, soziale Identität und Belastbarkeit entfalten und stärken. Es lässt sich als eine zweckfreie Tätigkeit charakterisieren, die um ihres eigenen Anregungspotenzials willen aufgesucht und ausgeführt wird (Heckhausen, 1974). Aber nicht nur in den ersten Lebensjahren, sondern in jeder Altersstufe sollte das Spielen als Lebensbereicherung einen entsprechenden Freiraum haben, da es u. a. Distanz zum Alltag ermöglicht, Zeit und Raum entgrenzt, das Gefühl anspricht und fördert, Spannung und Risiko vermittelt und Gemeinschaft bewirkt (Schilling, 1990).
Dieser Freiraum ist in der heutigen Zeit – mit zunehmender Freizeit – einmal mehr gegeben, von daher gewinnt auch das Spielen als Ausdruck von Lebensfreude an Bedeutung. Gelten die aufgezeigten Sachverhalte nicht ebenso für Glücksspiele? Im Gegensatz zu anderen Spielen im Kindes- und Erwachsenenalter entscheidet bei Glücksspielen allein oder ganz überwiegend der Zufall über Gewinn oder Verlust. Es bedarf außerdem eines äußeren Anreizes in Form eines ausgesetzten Gewinnes sowie eines Einsatzes, der mit Gewinnerwartung und Verlustrisiko verbunden ist. In der Regel wird mit und um Geld gespielt. !
Erst das Geld verleiht dem Glücksspiel seine eigentliche Bedeutung. Es sorgt für einen hohen Spielanreiz und ist für die ausgeprägte psychotrope Wirkung von Glücksspielen verantwortlich. Geld verkörpert das Maß aller Dinge in unserer Gesellschaft, ermöglicht die Befriedigung vielfältiger Bedürfnisse, lässt Wünsche in Erfüllung gehen und Träume wahr werden. Der finanzielle Gewinn lockt aber nicht nur die Spieler, sondern auch die Veranstalter. Während die Spieler mit ihrem Einsatz ein Risiko eingehen, winkt den Glücksspiel etreibern ein sicheres, äußerst einträgliches Geschäft.
Kaum ein Wirtschaftszweig ist so krisensicher und profitabel wie die öffentliche Veranstaltung von Glücksspielen. Diese lukrative Einnahmequelle hat sich weitestgehend der Staat gesichert, vordergründig zum Schutz der Bevölkerung. Neben der Gewährleistung eines ordnungsgemäßen Spielablaufes sollen die Spieler vor einer Ausbeutung der Spielleidenschaft und dem Absturz in den finanziellen Ruin bewahrt werden. Es ist also durchaus bekannt, dass Glücksspiele mit einem Gefahrenpotenzial verbunden sind, dennoch tritt der Staat als Promoter auf: Fiskalische Interessen haben den in der Gesetzgebung verankerten Schutzgedanken verdrängt. Der restriktiven Zulassung von Glücksspielen bis Mitte der 70er-Jahre folgte eine Expansionswelle, die bis heute anhält, eine Trendwende ist nicht erkennbar. Sie beruht nicht auf einer gestiegenen Nachfrage in der Bevölkerung, sondern auf den finanziellen Bedürfnissen des Staates. Zusätzliche Wachstumsimpulse erfährt der Glückspielmarkt über eine Aufweichung des staatlichen Monopols, verbunden mit einem Wettbewerb zwischen privaten und staatlichen Anbietern (Hayer & Meyer, 2004).
Um die Nachfrage zu steigern, wird der Spielanreiz erhöht und Werbung für ein Produkt betrieben, das mit erheblichen individuellen und sozialen Folgeschäden verbunden ist. Für viele Menschen bieten Glücksspiele eine anregende Form der Unterhaltung, problemlos integriert in das Alltagsleben. Einige Spieler zeigen jedoch ein riskantes Konsumverhalten und verlieren die Kontrolle über das Spiel. Die Betroffenen und / oder ihre Angehörigen fühlen sich schließlich so stark belastet, dass sie Beratungs- und Behandlungseinrichtungen sowie Selbsthilfegruppen aufsuchen. Der Personenkreis ist im Zuge des expandierenden Angebotes angewachsen. In Erkenntnis dieses Sachverhaltes stellen einige Bundesländer seit kurzem einen geringen Anteil der Einnahmen aus Glücksspielen für Modellprojekte der ambulanten Behandlung, Aufklärungskampagnen und eine Telefonhotline zur Verfügung (Nordrhein- Westfalen), unterstützen eine Beratungsstelle direkt durch Zuweisungen der Spielbank (Baden- Württemberg) oder haben zumindest in das Spielbankgesetz aufgenommen, dass die Spielbankabgabe für »Hilfeeinrichtungen für Spielsüchtige« zu verwenden ist (Schleswig-Holstein). Auf Bundesebene formuliert der »Aktionsplan Drogen und Sucht« der Bundesregierung folgende handlungs leitende Ziele für den Glücksspielbereich: ▬ Stärkung des Problembewusstseins bei den Anbietern von Glücksspielen und in der Öf fentlichkeit, ▬ Intensivierung der Selbstverpflichtungen der Glücksspielindustrie sowie ▬ Bereitstellung von Glücksspielerlösen als Mittel für Präventions- und Hilfemaßnahmen.
Es handelt sich bei den Betroffenen nicht mehr nur – wie früher – um wenige Einzelfälle. Eine derartige Entwicklung zeigt sich ebenfalls auf internationaler Ebene. Sie hat zweifellos die politische, wissenschaftliche und therapeutische Auseinandersetzung mit der Spielsucht vorangetrieben und die Akzeptanz als psychische Störung gefordert. Die »Amerikanische Psychiatrische Gesellschaft« hat das »Pathologische Spielverhalten« bereits 1980 in das »Diagnostische und Statistische Manual Psychischer Störungen« (DSM-III) aufgenommen (American Psychiatric Association, 1980). Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) führt dieses Störungsbild erstmalig in der 10. Revision der »Internationalen Klassifikation Psychischer Störungen« (ICD-10, Dilling et al., 1991).
Mit der Verabschiedung spezieller Empfehlungen zur ambulanten und stationären medizinischen Rehabilitation folgte im März 2001 die Anerkennung des Krankheitsbildes in seiner Eigenständigkeit durch die bundesdeutschen Kostenträger im Gesundheitswesen. Nach mehrheitlicher Meinung der Therapeuten und Wissenschaftler, die mit pathologischen Spielern arbeiten, handelt es sich um eine Suchterkrankung bzw. ein Suchtverhalten. Diese Betrachtungsweise schließt nicht aus, dass für kleinere Subgruppen andere Störungskonzepte – wie bei stoffgebundenen Suchtformen – den Ursachen e r gerecht werden. Mit unserem Buch möchten wir einerseits aufzeigen, dass und warum pathologisches Spielen als Suchtkrankheit zu werten ist, andererseits aber auch die dem Spieler und seinen Angehörigen zur Verfügung stehenden Möglich keiten der Hilfe benennen. Wir können dabei auf zahlreiche Untersuchungen und Erkenntnisse zurückgreifen – vor allem aus dem angelsächsischen Sprachraum. In den USA, Großbritannien und Australien wurden Forschungsund Behandlungsaktivitäten Mitte der 70er- bzw. 80er-Jahre intensiviert und Anfang der 90er-Jahre noch einmal deutlich gesteigert. Seit 1985 bzw. 2001 erscheinen die wissenschaftlichen Fachzeitschriften Journal of Gambling Behavior/Studies und International Gambling Studies, ausschließlich mit Beiträgen zur Problematik des Glücksspiels. Die Anzahl der Veröffentlichungen ist insgesamt stetig gestiegen (Wildman, 1997; Eber & Shaffer, 2000). Ohne Zweifel besteht hier ein Zusammenhang mit der zunehmenden Verbreitung, die das Glücksspiel in diesen Ländern erfahren hat.
Die Expansionswelle ist in den USA und Australien vorerst zumindest ansatzweise zum Stillstand gekommen, nachdem auf höchster politischer Ebene die National Gambling Impact Study Commission (1999) und die Productivity Commission (1999) ihre Empfehlungen zukünftiger Handlungsstrategien, die ein verantwortungsbewusstes Spielangebot (»responsible gaming«) favorisieren, unterbreitet hatten. In Großbritannien ist dagegen neben einem Ausbau des Spielerschutzes eine weitere Liberalisierung einschließlich der staatlichen Konzessionierung von Online-Kasinos zu erwarten (Department for Culture, Media and Sport, 2004).
Die Ergebnisse der Studien aus dem angelsächsischen Sprachraum sind zwar nicht ohne weiteres auf unsere Verhältnisse übertragbar und erfordern – gegebenenfalls – die Berücksichtigung unterschiedlicher Glücksspielformen und sozialer Grundbedingungen, dennoch liefern sie wertvolle Hinweise für das Verständnis dieser psychischen Störung und den Umgang mit den Betroffenen. Vergleiche mit den Ergebnissen und Aussag deutschsprachiger Veröffentlichungen, deren Anzahl in den letzten Jahren ebenfalls stetig gestiegen ist, verdeut lichen außerdem ein sehr ähnliches Erscheinungsbild sowie Analogien in den Entstehungsbedingungen, Folgen und Behandlungsansätzen der Spielsucht bzw. des pathologischen Glücksspiels – ohne dass bestehende Unterschiede, wie sie beispielsweise auch zwischen deutschen Roulette- und Automatenspielern bestehen, ausgeschlossen werden sollen.
