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 Erscheinungsbild der Glücksspielsucht


In den Schilderungen beratungs- und behandlungssuchender Spieler wird immer wieder folgendes Erscheinungsbild der Spielsucht deutlich:

## Glücksspiel als zentraler Lebensinhalt
- Das Glücksspiel strukturiert und dominiert das Leben der Betroffenen.
- Mit zunehmender Häufigkeit und Intensität des Spielverhaltens entwickeln die Spieler eine ausgesprochene Kreativität in der Erschließung neuer Geldquellen.
- Ist Geld vorhanden, richten sie den Tagesoder Arbeitsablauf so ein, dass sie rechtzeitig am Ort des Geschehens sein können.
- Die Verhaltensmuster vor und in der Spielsituation nehmen die Form eines Rituals an, Abweichungen führen zu Irritationen bis hin zum Aberglauben.
- Jede Gelegenheit nehmen die Spieler wahr.
- Familie, Beruf, andere Interessen werden durch das Glücksspiel absorbiert, der Rückzug aus dem sozialen Umfeld erfolgt in kleinen Schritten.
- Es kommt zu Auseinandersetzungen wegen des Spielens. Die Spieler weichen der Kritik aus, Kommunikation empfinden sie als lästig, sie entziehen sich den Pro blemen, indem sie ihr Geld riskieren oder sich damit nach durchlebten Stresssituationen belohnen.
- Vor Alltagskonflikten laufen sie davon, unangenehme Gefühle werden durch das Spielen betäubt.
- Um die häufige Abwesenheit und finanzielle Engpässe zu erklären, bauen sie ein raffiniertes Lügengeflecht auf, schließlich lügen sie sogar grundlos.
- Sie spielen heimlich und prahlen – vor anderen Spielern – mit Gewinnen.
- Ihre Emotionen sind im Wesentlichen auf das Glücksspiel ausgerichtet, hier erhoffen sie sich lustbetonte Gefühle, von der Familie haben sie sich emo tional entfernt.
- Erfolge werden beim Glücksspiel gesucht, nicht mehr im Beruf, in der Ausbildung oder im Sportverein.
- Alles andere, was sonst das Leben bindet, tritt in den Hintergrund (Matussek, 1953), das Glücksspiel ist zum obersten Daseinswert geworden (Keller mann, 1987).
 
 
## Kontrollverlust
- Einmal mit dem Glücksspiel angefangen, verlieren die Betroffenen die Kon trolle über ihr Spielverhalten. Trotz des Vorsatzes, nur einen bestimmten Betrag zu verspielen, nach einem Gewinn oder einer vorher festge legten Spieldauer aufzuhören, spielen sie weiter, bis kein Geld mehr zur Verfügung steht.
- Sie können nicht mehr mäßig und vernunftgesteuert spielen, verspüren ein unwiderstehliches Verlangen weiterzuspielen
- Bewusst lassen sie einen Teil der verfügbaren Mittel zu Hause, deponieren Geld im Handschuhfach, bevor sie in die Spielhalle gehen, um einem Totalverlust vorzubeugen. Gewonnene Jetons werden sofort in Bargeld eingewechselt, der Ehefrau zur unwiderruflichen Verwahrung übergeben.
- Die Schutzmaßnahmen reichen jedoch in der Regel nicht aus. Nach einem Verlust holen sie sich das restliche Geld oder bedrängen massiv die Ehefrau, um weiterspielen zu können.
- Sie halten Verabredungen nicht ein, sagen berufliche Termine ab, wenn sie erst einmal vor dem Automaten oder am Roulettetisch sitzen.
- Ein Aspekt des subjektiv empfundenen Kontrollverlustes ist das typische Motiv pathologischer Spieler, entstandene Verluste umgehend wieder aus zugleichen. Sie jagen ihren Verlusten regelrecht hinterher (»chasing«). Durch Erhöhung der Einsätze wollen sie dieses Ziel möglichst rasch erreichen. Der Gedanke »das hol’ ich mir wieder« wird zur übermächtigen, treibenden Kraft. Während unter Roulettespielern die »Chase-Philosophie « auch in Bezug auf den Gesamtverlust vergangener Jahre weit verbreitet ist, bezieht sie sich bei Automatenspielern in der Regel auf unmittelbar vorangegangene Verlustsequenzen.
 
 
## Erfolglose Abstinenzversuche/-bestrebungen
- Vor allem nach verlustreichem Spiel oder auf Drängen der Angehörigen nehmen sich die Betroffenen wiederholt vor, das Spielen einzuschränken oder glücksspielabstinent zu leben
- Die Versuche, es ohne fremde Hilfe zu schaffen, scheitern nach einigen Tagen oder Wochen ebenso wie diejenigen mit Unterstützung von Angehörigen, mitunter auch von Selbsthilfegruppen, ambulanter oder stationärer Therapie.
- Es bedarf vielfach noch nicht einmal einer Belastungssituation für eine erneute Beteiligung, allein die Wiedererlangung finanzieller Mittel fördert das Verlangen nach dem Glücksspiel.
- Eine dauerhafte Enthaltsamkeit erscheint ihnen unerträglich, ein gänzlicher Verzicht unvorstellbar.
- Wenn Geld zur Verfügung steht, kommt es in der »Egal-Stimmung« zum Einsatz. Häufig ändert sich an der Grundeinstellung gegenüber dem Glücksspiel kaum etwas. Glaubenssätze wie »ich kann aufhören, wenn ich es wirklich will« stützen das glücksspielbezogene Selbstbild.
- Der Verweis auf erfolgreiche Abstinenzbestrebungen für einen begrenzten Zeitraum und glücksspielfreie Zeiten (durch Geldmangel), die Eigensperre für die lokale Spielbank und die Einrichtung familiärer Kontrollstrategien dienen der vorübergehenden Beruhigung – vor allem der Angehörigen.
- Tritt das Glücksspiel aufgrund neuer Lebenssituationen, die Sinnerfüllung vermitteln, für einige Zeit in den Hintergrund, wird zum Teil noch exzessiver ge spielt, wenn der Reiz des Neuen verflogen ist oder sich Belastungssituationen er geben haben. Haftaufenthalte haben einen ähnlichen Effekt, obwohl die wenigsten pathologischen Spieler während der Haft abstinent leben, denn das Spiel um Geld, Tabak usw. gehört zu den beliebtesten Freizeitbeschäftigungen in den Justizvollzugsanstalten. Auch nur periodisch auftretende Glücksspiel exzesse weisen bei süchtigen Spielern eine typische, fortschreitende Entwicklung auf.
 
 
## Toleranzentwicklung
- Im Verlauf der »Spielerkarriere« müssen die Betroffenen ihre Einsätze steigern oder höhere Risiken eingehen, um den gewünschten emotionalen Effekt zu erzielen. Es entwickelt sich eine Toleranz gegenüber der »Dosis « des Glücksspiels, die zur Vermittlung von Gefühlen wie Erregung notwendig ist. Am Anfang genügt ein Gewinn des Mindesteinsatzes beim Spiel auf »einfache Chancen« des Roulette, um ein Glücksgefühl auszulösen, am Ende muss an mehreren Tischen gleichzeitig auf »plein« gewonnen werden, um noch ein Gefühl der Zufriedenheit zu verspüren.
- Das Erleben während des Glücksspiels stumpft zunehmend ab. Automatenspieler riskieren schließlich an mehreren Geräten gleichzeitig ihr Geld, wählen nur noch die höchste Risikostufe oder steigen teilweise auf illegales Glücksspiel und Kasinospiele um (mitunter beschreiten Spieler auch den umgekehrten Weg, wenn beispielsweise eine Sperre oder Geldmangel den Zugang zum normalerweise bevorzugten »höherwertigen« Glücksspiel verhindern).
 
 
## Entzugserscheinungen
- Fehlen die finanziellen Mittel für das Glücksspiel, lassen andere Gründe wie berufliche Verpflichtungen oder Kontrolle seitens der Familie eine Beteiligung unmöglich erscheinen oder werden Abstinenzbestrebungen umgesetzt, treten psychische aber auch vegetativ- physische entzugsähnliche Erscheinungen auf. Am häufigsten berichten Spieler über innere Unruhe und Reizbarkeit, die sie in diesen Situationen erleben. Sie spüren ein »Kribbeln im Bauch«, gehen ruhelos auf und ab und können begonnene Handlungen nicht zu Ende führen. Sie reagieren schon bei Kleinigkeiten gereizt und fangen schließlich in der Familie einen Streit an, um endlich in die Spielhalle gehen zu können. Alles, was einer umgehenden Teilnahme im Wege steht, wie die Einlass kontrolle in der Spielbank, lässt die Ungeduld wachsen (ebenso wie Unter brechungen des Spielablaufes). Sobald die erste Münze eingeworfen oder der erste Jeton platziert ist, setzt ein beruhigendes Gefühl ein. Einige betroffene Spieler schilderndaneben in retrospektiven Studien onzentrations- und Schlafstörungen, Alpträume, Depressionen, Kopf- und Magenschmerzen, Appetitlosigkeit, Schweißausbrüche etc. Aber auch positive Auffälligkeiten in den ersten Tagen der Abstinenz wie eine neue Weltanschauung und das Gefühl, von einer inneren Last befreit zu sein, bestätigen Mitglieder der »Anonymen Spieler«. Die entzugsähnlichen Symptome dürften eher auf der Gewöhnung an einen erhöhten Erregungszustand oder auf gescheitertenBemühungen basieren, vorhandene dysphorische Stimmungen mithilfe des Glücksspiels zu bewältigen, als auf physiologischen Konsumbedürfnissen, wie bei stoffgebundenen Suchtformen. (Wray & Dickerson, 1981; Meyer, 1989a, b; Rosenthal & Lesieur, 1992; Custer, 1982).
 
 
## Folgeschäden
- Ein unkontrolliertes Spielverhalten führt auf Dauer fast zwangsläufig zu nächst zu finanziellen, später auch zu psychosozialen Folgeschäden. Mit der Aufnahme von Krediten oder dem Verkauf persönlichen Eigentums beginnt ein Kreislauf, der in illegalen Handlungen enden kann, wenn die eigenen Ressourcen erschöpft sind.
- Vor allem junge Spieler verlassen sich in dieser Situation immer wieder darauf, dass die Familie schon für den Schaden aufkommen wird.
- Über kurz oder lang treten Störungen im zwischenmenschlichen Bereich auf, Schuldgefühle und Depressionen können die Folge sein und zum Weiter spielen motivieren.




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